Ein jeder Engel ist schrecklich.

Es war Nietzsche, der darauf verwiesen hat, dass die Schönheit das Schreckliche erst erträglich macht. Was will dieser Satz eigentlich besagen… Die Schönheit macht das Schreckliche erträglich - Genau das besagt dieser Satz. Die Schönheit macht das Schreckliche erträglich - Ja ! : Indem sie, wenn auch nur zeitweilig, den bitter stechenden Schmerz abstumpft, welche dieses Letztere noch einmal mehr - wie eh und je -  als seine einseitig ausgerichtete Nachricht hinterlassen hat: Es war unausdenkbar, und jetzt -, jetzt ist es nicht nur allein möglich, nein, es ist tatsächlich geschehen ! Und der Schock dieser Offenbarung (rekurrent, rekursiv, remanent, retrograd), er fügt uns über alles hinausgehendes Leid zu; er lässt uns tiefer leiden als die bloβen Auswirkungen affektiver Gefühlswallungen angesichts der noch blutigsten, der grausamsten, selbst erdrückensten Anekdote. So war es einst der Kunst aufgegeben (ohne das man es ihr gesagt hätte) für die von den Abscheulichkeiten der Welt, folglich vom Menschen selbst, folglich von sich selbst niedergeschlagenen Geister wohltuende Ablenkung zu stiften, wobei eben in Erwägung zu ziehen ist, dass jeglicher Schrecken uns nur in dem Ausmaβe ergreift wie wir ihn selbst verursacht haben könnten, oder wir die indirekte Ursache, ja sogar die Täter selbst sind. Es ist die eigene Schrecklichkeit, vor der man mit Schrecken erbleicht. -  "Zeige uns, dass das Gute auch möglich ist" -,  fordert man von ihr ; die Kunst aber, vorsichtig wie sie ist, hat noch niemals geantwortet.

"Hier nun wird es nöthig, uns mit einem kühnen Anlauf in eine Metaphysik der Kunst hinein zu schwingen, indem ich den früheren Satz wiederhole, dass nur als ein aesthetisches Phänomen das Dasein und die Welt gerechtfertigt erscheint: in welchem Sinne uns gerade der tragische Mythus zu überzeugen hat, das selbst das Hässliche und Disharmonische ein künstlerisches Spiel ist, welches der Wille, in der ewigen Fülle seiner Lust, mit sich selbst spielt."
Friedrich Nietzsche: Die Geburt der Tragödie


Übersetzung Roland Baumann

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     Every angel is dreadful.

     Beauty softens horror, Friedrich Nietzsche once reported. What might we mean by this. Beauty softens the horror; that is to say: by temporarily blunting the bitterness that it produces by having once again, as always, delivered its unique unilateral message: “It was unimaginable, and now, not only it is possible, but it happened! And the shock of this revelation (recurrent, recursive, remanent, retrograde) makes us suffer beyond and much deeper than the mere effect of affects facing the most bloody, the most cruel, or even the most massive anecdote. So it is to the art that it was long ago given for mission (with nothing having being told to it) to generate a beneficial diversion to the spirits stunned by the atrocity of the world, so of the man, therefore of themselves, given that the horror spreads in us only to the extent that one realizes that one could have triggered it oneself, that one is perhaps the indirect cause, if not the author. It is the horror of oneself that makes us grow pale.
     Show us that Good is possible too” we ask; but the art, cautious, never answered.

     « Here it is necessary to raise ourselves with a daring bound into the metaphysics of Art. I repeat, therefore, my former proposition, that it is only as an aesthetic phenomenon that existence and the world, appear justified: and in this sense it is precisely the function of tragic myth to convince us that even the Ugly and Discordant is an artistic game which the will, in the eternal fullness of its joy, plays with itself. »

Friedrich Nietzsche: The Birth of Tragedy

Translation, Dennis Couzin, Michel Carmantrand

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Tout ange est terrible.

     La beauté adoucit l’horreur, rapportait Friedrich Nietzsche. Ce que veut dire cette phrase. La beauté adoucit l’horreur, c’est-à-dire : en émoussant temporairement l’amertume que celle-ci produit en ayant une fois de plus comme de tous temps délivré son message unilatéral unique : c’était inimaginable, or non seulement c’est possible, mais cela s’est produit ! Et le choc de cette révélation (récurrent, récursif, rémanent, rétrograde) nous fait souffrir au-delà et bien plus profondément que le simple effet des affects confrontés à l’anecdote la plus sanglante, la plus cruelle, voire la plus massive.  Aussi est-ce à l’art qu’il fut jadis donné pour mission (sans qu’on le lui eût dit) d’engendrer un dérivatif bénéfique aux esprits assommés par l’atrocité du monde, donc de l’homme, donc d’eux-mêmes, attendu que l’horreur ne se répand en nous que dans la mesure où l’on réalise que l’on pourrait l’avoir déclenchée soi-même, que l’on en est peut-être la cause indirecte, sinon l’auteur. C’est de l’horreur de soi que l’on pâlit d’horreur. — « Montre-nous que du bon est possible aussi » —, lui demande-t-on ; mais l’art, prudent, n’a jamais répondu.

     « Ici, il est nécessaire de nous élever résolument jusqu’à une conception métaphysique de l’art, et de nous rappeler cette proposition précédemment avancée que le monde et l’existence ne peuvent paraître justifiés qu’en tant que phénomène esthétique ; auquel sens le mythe tragique a précisément pour objet de nous convaincre que même l’horrible et le monstrueux ne sont qu’un jeu esthétique, joué avec soi-même par la Volonté dans la plénitude éternelle de son allégresse. »

Friedrich Nietzsche : La Naissance de la tragédie.

Michel Carmantrand








A text by Rolf Rose



In der Republik von Angela Merkel, also jetzt im Jahr 2018

Zu den Berliner Galerietagen 2018 finden verschiedene, teilweise von Künstlern organisierte Ausstellungen statt. Eine davon habe ich im Haus Bethanien gesehen. 20 großformatige Bilder von 20 Malern. Wenn man sich fragt, was diese Maler zusammen hält, dann kommt man zu dem eigentlich auch nicht so richtig überraschenden Schluss, dass es inzwischen einen etablierten Akademismus gibt. Der Salon ist wieder da. Alle diese Maler sind hochprofessionell an deutschen oder französischen oder englisch/amerikanischen Akademien ausgebildet worden, alle ohne Ausnahme bei den heutigen Stars der Kunstszene, die in den 60er, 70er, 80er Jahren an den Hochschulen das Sagen hatten. Es gibt inzwischen eine riesige Menge von Künstlern, die zu dieser Gruppe zuzurechnen sind. Wenn man den Output der Hochschulen seit 1960 zusammenzählt, müßten das Zehntausende sein. Alle Kunstrichtungen dieser Jahre sind in ihren verschiedenen Ausprägungen vertreten und es macht großen Spaß, diese Bilder anzusehen.
In diesem Salon besteht allerdings der größte Spaß darin, die Exponate daraufhin aufzudröseln, wo ihre Wurzeln liegen. Also im amerikanischen Expressionismus, im Minimalismus, in der Monochromie, in der Pop-Art, in der gestischen oder konkreten Malerei und in noch vielen anderen Stilen. Ja sogar die Pariser Abstraktion der fünfziger Jahre taucht als Referenz wieder auf. Wenn man nun beurteilen will, welche Qualität die einzelnen Arbeiten auszeichnet, so kann es nur darum gehen, den Hintergrund, die Motivation und die jeweiligen Vorbilder genau herauszufinden und den Grad der Bewältigung und Weiterführung in eine neue Bildfindung zur Grundlage einer Beurteilung zu machen.  Auch muss wohl honoriert werden, dass alle diese Künstler mit totaler Hingabe an das Bedeutungspotential abstrakter Formen glauben, an ihre Unausschöpfbarkeit.
Da nun gibt es riesige Unterschiede. Erstmal muss man sich klarmachen, dass riesige Felder des Metiers von den Vertretern dieser Konzeption von Malerei ausgelassen werden. Das kann in den verbleibenden Möglichkeiten der Bildfindung schnell in fade Esoterik, in schrecklichen Wust und Materialhuberei führen. Anpassung und Eklektizismus sind also häufig die Regel. Denn seit den Vorvätern der abstrakten Expressionisten hat sich das heroische der großen Geste totgelaufen. Das Heutige bestimmt die große Nüchternheit, weil in der Vielheit und Anhäufung der damit verbundenen Kleinteiligkeit dessen, was man ausforschen kann, das Problem und damit auch die mögliche Lösung liegt.
Was auf den ersten Blick so aussieht, als sei damit ein Rückzug verbunden, erweist sich aber als der präzise Versuch einer genauen Diagnose der internen Grundlagen dessen, was ein Bild heute noch leisten kann. Das alles beschreibt eben keine Rückzüge, sondern ist ein bewusstes Ausloten, eine Vervollkommnung in Umfang und der tiefen Verborgenheit der menschlichen Empfindsamkeit. Es sind eher die erfahreneren Künstler, deren psychische Stabilität und deren großer, experimenteller Erfahrungshintergrund in eine eigene bildästhetische Reife führt, die so in ihren Bildfindungen überzeugen. Diese abgeklärte Reife besagt eben, dass es kaum noch um das Finden neuer Formen geht, sondern dass das Geheimnis des Gelingens in der jeweiligen Setzung liegt und im Dranbleiben und dem zähen Immer-Wieder und Immer-Wieder und also in der Farbe und ihrer Aussagekraft. Die Verdichtung dieser quasi gottgegebenen Anwendbarkeit, ihre Unendlichkeit in Kombination und Überlagerung, bilden das Potential, aus dem Vertrauen in die Aussagekraft dieser Bilder führt.
Dieses Tun ist dem Vorbild Sisyphos geschuldet und hat dessen Gleichnishaftigkeit und Leben erklärende Schwere in die Malerei überführt und dieses Metier damit auratisiert oder zumindest legitimiert und damit jeden erneuten Versuch und die damit verbundenen Hoffnungen und Mühen zu seiner quietschlebendigen, immerwährenden Existenz verholfen. Es sind die in den kleinsten Miasmen versteckten, in diesen kleinsten Partikeln hineingezogenen, aufgeladenen Materiesplitter, deren Schwebezustand sie auch zu Gedankenpartikeln werden lässt, zu einer Mixtur, die das Eine mit dem ganz  Anderen verbindet und so die Imagination in die Welt hinauslässt. Dieser tief versteckte Hintergrund, Untergrund ist die Basis dessen, was die Evokation dingfest, zur Tatsache macht. Diese Malerei kramt das Unterste nach oben, dreht und wendet es, verbannt es wieder nach unten, lässt aber noch ein bisschen als Spur, als Transparenz zurück und ist noch und noch eine Fundgrube für Jedermann. Bei den besten Arbeiten ist die Bedeutung versteckt im implizierten  Geheimnisvollen verborgen. Es ist ein fast aggressiver Akt, aber auch ein gemeinter romantischer, denn: Was ist eine Spur, wenn man nicht verloren gehen kann? Und diese Spur liegt im Bild und läuft von der vorhandenen Ansichtssache über in die Welt der Gedanken, der Unendlichen. Und das ist schön, das bildet Schönheit in Freiheit. Was jedoch und immer und also bleibt, ist die leidige Frage: Aber was bedeutet das? In Bandbreite und Umfang und überhaupt. Was und wie. Die Bedeutung von Bedeutung, ihre Relevanz. Das Urteil, was für ein Wort, ganz nahe in seiner Bedeutung bei Vernichtung und Tod. Dieser Husarenritt, der es immer war, ist heute zu einer Panzerschlacht gewandelt und wird gerade nochmal umgekrempelt und mutiert in das neueste Spielfeld Artificial Intelligence. Künstliche Intelligenz. Sehr schöne Worte und sehr passende Worte. Kunst ist ein künstliches Produkt, in euphemistischer Umwandlung ein künstlerisches, und in dem sind alle Spielarten erlaubt. Ein Spielfeld ist die Abstraktion: begrenzt und dennoch unbegrenzt und gedacht als einzig dem Menschen zugängliches Reich und wichtig für die großen Schritte. Und wenn diese Schritte um den Erdball führen, dann kommt man überall hin und findet überall Neues und ist immer unter dem Himmel und immer auf der Erde. Wie ich finde.

Rolf Rose








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